Man kann jemanden vermissen und trotzdem merken, dass Abstand gerade guttut.

Jacqueline am Hafen – WUNDER & HALT Blogbeitrag über Vermissen, Abstand und Vertrauen

Ich habe lange gedacht, Vermissen müsste bedeuten, dass man jemanden zurückhaben möchte.

Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Ich vermisse einen Menschen – und merke gleichzeitig, wie ruhig mein Leben ohne diese Nähe gerade ist.

Genau das fühlt sich beinahe falsch an.

Denn wenn jemand fehlt, müsste ich ihn doch eigentlich zurückhaben wollen. Oder?

Nur weiß ich inzwischen nicht mehr, ob Vermissen überhaupt dasselbe bedeutet wie Zurückwollen.

Da ist dieses Fehlen. Erinnerungen. Gespräche. Ein Lachen. Dinge, die einmal selbstverständlich waren.

Und gleichzeitig ist da etwas anderes: Ruhe.

Nicht die große, heile Ruhe, bei der plötzlich alles gut ist. Eher dieses leise Aufatmen, wenn etwas, das lange schwer war, gerade nicht jeden Tag mit am Tisch sitzt.

Ich merke, dass beides gleichzeitig wahr sein kann.

Ich habe darauf keine saubere Antwort. Ich lebe schließlich auch zum ersten Mal.

Ich vermisse dich. Aber nicht alles.

Vielleicht ist genau das der Teil, den man kaum aussprechen mag.

Ich kann einen Menschen vermissen, ohne alles zurückzuvermissen, was mit dieser Nähe verbunden war.

Ich kann Wärme vermissen und die Spannung nicht.

Ich kann Vertrautheit vermissen und trotzdem froh darüber sein, gerade nicht jedes Wort abwägen zu müssen.

Ich kann an schöne Momente denken und gleichzeitig wissen, dass nicht jeder Moment schön war.

Das heißt nicht, dass der andere Mensch schlecht war.

Und es heißt auch nicht, dass ich alles richtig gemacht habe.

Dass mir Abstand guttut, heißt nicht, dass ich im Recht bin.

Vielleicht habe ich selbst verletzt. Vielleicht habe ich Dinge anders erlebt. Vielleicht habe ich etwas übersehen, das der andere ganz deutlich gesehen hat.

Ich möchte mir keine Geschichte erzählen, in der einer der Böse ist und der andere endlich seine Ruhe hat.

So einfach fühlt es sich für mich nicht an.

Vielleicht ist eine Beziehung manchmal einfach an einem Punkt, an dem Nähe nicht mehr nur Geborgenheit bedeutet.

Und vielleicht kann man genau dann jemanden vermissen und trotzdem merken: Im Moment brauche ich Abstand.

Was vermisse ich eigentlich?

Diese Frage beschäftigt mich fast noch mehr.

Vermisse ich wirklich den Menschen so, wie er heute ist?

Oder vermisse ich eine frühere Version von uns?

Eine Zeit, in der vieles leichter war. Einen Platz im Leben des anderen, der einmal selbstverständlich war. Bestimmte Rituale. Einen Blick, bei dem man nichts erklären musste.

Vielleicht vermisse ich sogar die Version von mir selbst, die ich in dieser Beziehung einmal war.

Menschen verändern sich.

Ich auch.

Und manchmal glaube ich, dass wir etwas zurückhaben möchten, das es in genau dieser Form gar nicht mehr gibt.

Das macht das Vermissen nicht weniger echt.

Aber vielleicht erklärt es, warum die Vorstellung von erneuter Nähe gleichzeitig schön und beunruhigend sein kann.

Manchmal vermisse ich vielleicht nicht nur einen Menschen.

Manchmal vermisse ich eine ganze Zeit.

Und dann ist da Gott

Nicht erst am Ende dieses Gedankens.

Sondern mitten drin.

Denn gerade wenn Beziehungen kompliziert werden, merke ich, wie schnell ich mir selbst einfache Antworten bauen möchte.

Der andere ist schuld. Ich bin schuld. Abstand ist richtig. Nähe wäre richtiger. Ich muss loslassen. Ich muss kämpfen. Ich muss verzeihen. Ich muss mich schützen.

Am liebsten hätte ich einen Satz, der alles sortiert.

Aber mein Glaube gibt mir gerade nicht immer diesen einen Satz.

Er gibt mir eher einen Ort, an den ich mit dem Durcheinander gehen kann.

Ich glaube an Vergebung.

Ich glaube daran, dass mein Herz nicht hart werden sollte, nur weil ich verletzt, enttäuscht oder müde bin.

Aber ich glaube nicht, dass Vergebung automatisch bedeutet, dass alles wieder so werden muss wie früher.

Für mich sind Vergebung und Nähe nicht dasselbe.

Vielleicht kann ich jemandem vergeben und trotzdem Zeit brauchen.

Vielleicht kann Vertrauen irgendwann wieder wachsen, aber anders.

Vielleicht braucht eine Beziehung neue Grenzen.

Vielleicht ist das, was einmal war, vorbei – und etwas Neues könnte irgendwann entstehen.

Ich weiß es nicht.

Und genau das ist der Punkt, an dem Vertrauen für mich beginnt.

Nicht dort, wo ich die Zukunft dieser Beziehung bereits kenne.

Sondern dort, wo ich akzeptiere, dass ich sie gerade nicht kenne.

Die Ruhe nicht mit Frieden verwechseln

Ein Gedanke lässt mich dabei nicht los:

Ich möchte die Ruhe, die mir Abstand gerade gibt, nicht mit Frieden verwechseln.

Ruhe kann entstehen, weil niemand mehr streitet.

Ruhe kann entstehen, weil niemand mehr etwas sagt.

Ruhe kann entstehen, weil zwei Menschen sich aus dem Weg gehen.

Das kann gut und notwendig sein.

Aber Frieden ist vielleicht noch etwas anderes.

Vielleicht hat Frieden mehr damit zu tun, dass ich innerlich nicht weiterkämpfe, obwohl der andere gar nicht da ist.

Dass ich mich nicht jeden Tag im Kopf rechtfertige.

Dass ich nicht jedes Gespräch hundertmal neu führe.

Dass ich nicht wünsche, der andere möge endlich verstehen, dass ich recht hatte.

Vielleicht bedeutet Frieden auch, meinen eigenen Anteil anzusehen, ohne mich dafür zu vernichten.

Und vielleicht bedeutet er, einen Menschen Gott zu überlassen, wenn ich selbst gerade nichts mehr lösen kann.

Ich wünsche mir nicht unbedingt „wie früher“

Wenn ich ehrlich bin, wünsche ich mir gar nicht unbedingt, dass alles wieder wie früher wird.

Denn „wie früher“ würde vielleicht auch all das zurückbringen, was irgendwann nicht mehr funktioniert hat.

Wenn zwei Menschen irgendwann wieder zueinanderfinden, müsste vielleicht etwas Neues entstehen.

Andere Gespräche.

Andere Grenzen.

Weniger Erwartungen.

Mehr Ehrlichkeit.

Vielleicht auch die Bereitschaft, zu hören, dass der andere dieselbe Geschichte vollkommen anders erinnert.

Ich weiß nicht, ob jede Beziehung wieder so eng werden kann wie einmal.

Und ich weiß auch nicht, ob jede es sollte.

Aber ich möchte die Tür in meinem Herzen nicht zuschlagen und das dann Stärke nennen.

Ich möchte Abstand brauchen dürfen, ohne aus Abstand Härte zu machen.

Ich möchte verletzt sein dürfen, ohne Bitterkeit zu meinem Zuhause werden zu lassen.

Ich möchte jemanden vermissen dürfen, ohne daraus sofort eine Entscheidung machen zu müssen.

Vielleicht ist Vermissen keine Anweisung

Vielleicht ist das gerade der Gedanke, bei dem ich lande.

Vermissen ist vielleicht keine Anweisung.

Es sagt nicht automatisch: Geh zurück.

Es sagt auch nicht automatisch: Diese Beziehung muss wieder genauso werden wie früher.

Vielleicht sagt es manchmal nur:

Du warst mir wichtig.

Du bist mir vielleicht noch immer wichtig.

Das, was zwischen uns war, ist nicht bedeutungslos geworden.

Und trotzdem darf heute etwas anders sein.

Ich darf jemanden vermissen und gleichzeitig merken, dass mir der Abstand guttut.

Ich darf mir Versöhnung wünschen und trotzdem Respekt davor haben, wieder zu schnell in alte Nähe zurückzugehen.

Ich darf hoffen, dass etwas heilt, ohne zu wissen, wie dieses „heil“ später aussehen wird.

Vielleicht sehe ich das in fünf Jahren vollkommen anders.

Vielleicht wird etwas wieder gut, von dem ich heute nicht einmal weiß, wie das möglich sein soll.

Vielleicht bleibt manches anders, als ich es mir einmal vorgestellt habe.

Ich weiß es nicht.

Aber ich möchte mich nicht mehr zwingen, aus jedem Gefühl sofort eine Entscheidung abzuleiten.

Ich kann meinen Teil tun.

Ich kann ehrlich auf mich selbst schauen. Verantwortung übernehmen. Um Vergebung bitten, wenn ich verletzt habe. Vergeben, wo ich verletzt wurde. Grenzen nicht mit Härte verwechseln.

Und ich kann offen dafür bleiben, dass Gott Dinge verändern kann, die ich heute nicht lösen kann.

Aber ich kann nicht kontrollieren, wie oder wann zwei Menschen wieder zueinanderfinden.

Vielleicht muss ich das auch gar nicht.

Ich weiß nicht, wie diese Beziehung weitergeht. Aber ich muss es nicht wissen, um Gott zu vertrauen.

Vielleicht ist genau das für mich gerade der Unterschied zwischen Kontrolle und Vertrauen.

Ich kann meinen Teil tun.

Und den Rest Gott überlassen.