Man kann es als Mutter nicht allen recht machen.

Frau blickt über das Meer – WUNDER & HALT Blogbeitrag über Muttersein, Erwartungen und Selbstbestimmung

Es gibt einen Punkt, an dem man einfach die Schnauze voll hat.

Von Ratschlägen. Von Erwartungen. Von Menschen, die ganz genau wissen, wie man ein Kind richtig begleitet, richtig erzieht, richtig loslässt, richtig auffängt, richtig fördert und natürlich auch noch im richtigen Moment die richtige Grenze setzt.

Ich bin inzwischen an diesem Punkt.

Und ich glaube, ich bin damit nicht allein.

Vielleicht trauen sich viele Frauen nur nicht, es so auszusprechen.

Also mache ich es.

Man kann es als Mutter nicht richtig machen.

Nicht vollständig. Nicht dauerhaft. Und schon gar nicht so, dass am Ende garantiert jemand vor einem steht und sagt: „Du hast alles richtig gemacht.“

Wir behandeln Mutterschaft wie eine Prüfung

Das ist vielleicht das Verrückteste daran.

Als gäbe es irgendwo eine geheime Musterlösung.

Wenn du genug bindungsorientiert bist, aber nicht zu sehr. Wenn du Grenzen setzt, aber nicht zu streng. Wenn du dein Kind förderst, aber nicht überforderst. Wenn du loslässt, aber trotzdem immer da bist. Wenn du arbeitest, aber nicht zu viel. Wenn du für deine Familie da bist, aber dich selbst nicht verlierst. Wenn du aufmerksam bist, aber nicht kontrollierst. Wenn du konsequent bist, aber immer verständnisvoll bleibst.

Dann – so scheint es manchmal – bekommst du am Ende als Belohnung glückliche Kinder, eine harmonische Familie und erwachsene Kinder, die dir dankbar sind.

Ganz ehrlich?

So funktioniert das Leben nicht.

Du kannst alles geben und dein Kind findet dich trotzdem scheiße

Das ist der Satz, den man kaum aussprechen darf.

Also spreche ich ihn aus.

Du kannst zwanzig Jahre versuchen, eine gute Mutter zu sein. Du kannst nachts wach liegen. Verzichten. Fahren. Organisieren. Zuhören. Trösten. Beschützen. Arbeiten. Entscheidungen treffen, von denen du glaubst, dass sie richtig sind. Du kannst Fehler eingestehen und dich entschuldigen.

Und dann wird dieses Kind erwachsen und sieht Dinge vollkommen anders.

Vielleicht wirft es dir Entscheidungen vor, die du damals für richtig gehalten hast. Vielleicht erinnert es Situationen anders als du. Vielleicht findet es, dass du zu viel gemacht hast. Oder zu wenig. Zu streng warst. Oder zu nachgiebig.

Vielleicht spricht es irgendwann nicht mehr mit dir.

Vielleicht findet es dich einfach scheiße.

Und ja: Vielleicht hat es mit manchen Dingen sogar recht. Vielleicht gibt es Verletzungen, die du damals nicht gesehen hast. Dann musst du zuhören. Dann musst du Verantwortung übernehmen. Dann darfst du nicht einfach sagen: „Ich habe doch mein Bestes gegeben“, als würde dieser Satz jede Wunde ungeschehen machen.

Aber das ist etwas völlig anderes als die Vorstellung, eine Mutter könne durch perfekte Erziehung jede spätere Distanz, jeden Konflikt und jede Enttäuschung verhindern.

Diese Garantie gibt es nicht.

Liebe garantiert keine Dankbarkeit

Das ist hart. Aber ich glaube, es ist wahr.

Liebe ist keine Einzahlung auf ein Konto, von dem wir später Dankbarkeit abheben können.

Wir können unser Kind lieben und trotzdem Konflikte haben. Wir können es lieben und trotzdem Fehler machen. Wir können unser Bestes geben und trotzdem nicht immer das geben, was dieses Kind rückblickend gebraucht hätte.

Und wir können niemanden dazu zwingen, unsere Absichten genauso zu bewerten wie wir.

Vielleicht ist genau das einer der schmerzhaftesten Teile des Mutterseins:

Du kannst lieben, ohne die Kontrolle darüber zu haben, wie diese Liebe irgendwann erinnert wird.

Verantwortung ja. Selbstverurteilung nein.

Ich will mich nicht aus der Verantwortung stehlen.

Ich habe Fehler gemacht. Jede Mutter macht sie.

Ich möchte mich fragen können: Habe ich zugehört? Bin ich bereit, meine Sicht zu hinterfragen? Kann ich mich entschuldigen, wenn ich jemanden verletzt habe? Kann ich etwas ändern, wenn ich merke, dass ich falschlag?

Aber ich habe die Schnauze voll von dieser permanenten inneren Gerichtsverhandlung, in der wir Mütter uns für alles schuldig sprechen.

Du arbeitest zu viel: Schuld. Du arbeitest zu wenig: Schuld. Du bist genervt: Schuld. Du brauchst Ruhe: Schuld. Du freust dich auf Zeit für dich: Schuld. Du genießt deine Arbeit: Schuld. Du setzt eine Grenze: Schuld. Du sagst Nein: Schuld. Du hast etwas vergessen: Schuld.

Irgendwann muss damit Schluss sein.

Nicht mit Verantwortung.

Mit der Vorstellung, dass eine gute Mutter ein fehlerfreier Mensch sein müsste.

Und dann kommen noch die anderen

Als würde die eigene Unsicherheit nicht reichen, gibt es immer jemanden, der es besser weiß.

Arbeitet eine Mutter viel, kommt irgendwann die Frage, ob die Kinder nicht zu kurz kommen. Ist sie ständig da, heißt es schnell, sie könne nicht loslassen. Setzt sie Grenzen, ist sie streng. Gibt sie Freiheit, interessiert sie sich angeblich nicht genug.

Nimmt sie sich Zeit für sich selbst, ist sie egoistisch. Tut sie es nicht, soll sie endlich besser auf sich achten.

Ganz ehrlich:

Darauf richte ich mein Leben nicht mehr aus.

Nicht darauf, ob jede andere Mutter, jeder Verwandte, jeder Nachbar und jeder Mensch im Internet meine Entscheidungen abnickt.

Meine Kinder sind mir wichtig. Verantwortung ist mir wichtig. Die Gefühle anderer Menschen sind mir wichtig.

Aber Zustimmung ist etwas anderes.

Und ich merke, dass ich immer weniger bereit bin, mein Leben danach zu führen, ob andere es gutheißen.

Ich bin Mutter. Aber ich bin nicht nur Mutter.

Das scheint manchmal schon eine provokante Aussage zu sein. Dabei sollte sie selbstverständlich sein.

Ich liebe meine Kinder. Aber ich habe trotzdem eigene Träume. Eigene Fähigkeiten. Eigene Interessen. Eigene Grenzen. Eigene Pläne.

Ich bin 42 und baue noch einmal etwas Neues auf. Ich lerne Dinge, die ich vorher nicht konnte. Ich will wissen, was noch aus meinem Leben werden kann.

Und ich werde mich dafür nicht entschuldigen.

Denn eines möchte ich meinen Kindern ganz sicher nicht vorleben: dass eine Mutter ihre eigene Persönlichkeit langsam verschwinden lassen muss, damit sie als gute Mutter gilt.

Meine Kinder dürfen ihr Leben größer machen. Ich auch.

Kinder werden größer. Sie treffen eigene Entscheidungen. Sie entfernen sich von uns, kommen wieder näher, entwickeln Ansichten, die wir vielleicht nicht teilen, und bauen ihr eigenes Leben auf.

Genau das sollen sie.

Aber während ihre Welt größer wird, muss meine nicht kleiner werden.

Ich darf weiter lernen. Arbeiten. Scheitern. Neu anfangen. Etwas erschaffen. Eine Idee verfolgen. Grenzen setzen. Mich verändern.

Familie und ein eigenes Leben sind keine natürlichen Feinde.

Und vielleicht ist es sogar etwas Wertvolles, wenn Kinder sehen, dass ihre Mutter nicht nur über Mut, Selbstbestimmung und Neuanfänge spricht, sondern sie selbst lebt.

Auch mein Glaube verlangt keine perfekte Mutter aus mir

Mein Glaube bedeutet für mich nicht, dass ich mich selbst verlieren muss, um eine gute Mutter zu sein.

Demut ist nicht Selbstaufgabe. Liebe ist nicht permanente Verfügbarkeit. Für andere da zu sein bedeutet nicht, keinerlei Grenzen zu besitzen.

Ich glaube nicht, dass Gott von mir verlangt, einem menschlichen Ideal zu entsprechen, bei dem eine Frau immer geduldig, immer sanft, immer verfügbar und möglichst noch glücklich erschöpft ist.

Ich glaube, dass ich ehrlich sein darf.

Über meine Grenzen. Über meine Fehler. Über meinen Zorn. Über meine Erschöpfung. Über meine Träume. Und auch darüber, dass ich manchmal schlicht keine Lust mehr habe, mich an einem Ideal messen zu lassen, das ohnehin niemand dauerhaft erfüllen kann.

Vielleicht denken viel mehr Mütter so, als wir glauben

Vielleicht liest das gerade eine Frau und denkt: Endlich sagt es mal jemand.

Vielleicht auch nicht.

Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass ich die Einzige bin, die manchmal auf all diese Erwartungen schaut und sich fragt: Wer soll das eigentlich alles schaffen?

Und vielleicht müssen wir dabei auch uns selbst ertappen.

Auch ich habe andere Mütter bewertet. Natürlich. Wir sehen eine Situation und denken: Das würde ich anders machen.

Der Unterschied ist, was danach kommt.

Dann mach es anders.

Und lass die andere Frau ihr Leben leben.

Ich möchte nicht mit 52 merken, dass ich zehn Jahre lang um Erlaubnis gebeten habe

Ich bin heute 42.

In zehn Jahren bin ich 52. Meine Kinder werden längst ihr eigenes Leben führen.

Ich weiß nicht, wie unsere Beziehungen dann aussehen werden. Vielleicht werden wir uns sehr nahe sein. Vielleicht werden wir Dinge miteinander auszutragen haben. Vielleicht werden sie manche meiner Entscheidungen verstehen. Andere vielleicht nie.

Ich kann das heute nicht kontrollieren.

Und vielleicht muss ich das auch gar nicht.

Ich kann Verantwortung dafür übernehmen, welche Mutter ich heute bin. Ich kann zuhören. Mich entschuldigen. Etwas verändern, wenn ich merke, dass ich falschlag. Ich kann lieben, Grenzen setzen und versuchen, meinen Kindern mitzugeben, was ich für richtig halte.

Aber ich kann nicht heute schon bestimmen, wie sie in zehn Jahren auf ihre Kindheit, auf mich oder auf unsere Beziehung schauen werden.

Vielleicht ist genau das etwas, das ich lernen muss loszulassen.

Nicht im Sinne von: Es ist mir egal.

Sondern im Gegenteil.

Es ist mir so wichtig, dass ich aufhören muss zu glauben, ich könnte durch genügend Anstrengung jedes Ergebnis kontrollieren.

Ich bin heute 42. In zehn Jahren bin ich 52.

Und ich möchte diese Jahre nicht damit verbringen, perfekt genug für andere Menschen zu werden.

Ich möchte Mutter sein. Lieben. Da sein. Fehler machen dürfen. Lernen. Arbeiten. Etwas aufbauen. Meinen Glauben leben. Manchmal laut sein. Manchmal meine Ruhe wollen. Und Verantwortung dafür übernehmen, wie ich mit den Menschen umgehe, die Gott mir anvertraut hat.

Aber ich möchte auch lernen, das, was ich nicht in der Hand habe, wirklich aus der Hand zu geben.

Ich weiß nicht, wie alles ausgehen wird. Aber ich muss es auch nicht wissen, um Gott zu vertrauen.

Vielleicht ist das für mich gerade der Unterschied zwischen Kontrolle und Vertrauen.

Ich kann meinen Teil tun.

Und den Rest Gott überlassen.

Ich kann eine gute Mutter sein, ohne für jeden Menschen einem bestimmten Mutterideal entsprechen zu müssen.